„Das Leben als solches ist nicht die Wirklichkeit. Wir sind es, die Steinen und Kieseln Leben verleihen.“ (Frederick Sommer)
Es ist keinesfalls hoch gepokert zu behaupten, es verginge kein Tag, an dem wir nicht der Fotografie begegnen. Vielleicht ist sie sogar das erste, was uns zu Augen kommt – sei es beim Sichten der Zeitung, dem Schweifen über die eigenen Zimmerwände oder spätestens der Blick aus dem Fenster. Die Fotografien sind vor uns wach und gehen nach uns ins Bett. Sie sind da, weil wir sie ausgesucht haben um unsere Welt zu konstituieren, eine Welt voller Persönlichkeit und Individualität. Aber auch eine Welt voller Stereotype und Trivialitäten, angereichert mit nivellierenden Potential. Der fotografische Kosmos ist die visuelle Ordnung unserer Welt geworden.
Man könnte nun behaupten es habe schon immer Bilder gegeben und diese haben schon immer unseren Blick auf die Welt gefärbt, doch kann man tatsächlich von einem entscheidenden Wandel sprechen, in anbetracht der Beobachtung wie aktiv wir durch die selbstständige Bildproduktion am Entstehen unserer symbolischen Welt teilhaben. Nie zuvor wurden so viele Bilder produziert wie heute – und das nicht von Künstlern sondern von Jedem. Ungeachtet dessen, ob diese Entwicklung nun evolutionär oder revolutionär ist: wir fotografieren gerne und werden gerne fotografiert.
Davon handelte nun die KELLERAUSSTELLUNG VI. Und so haben wir nicht nur Fotografien ausgestellt, sondern auch gemacht und machen lassen. Es galt sich in den verschiedenen Rollen – Betrachter/Rezipient, Fotografierter/Model und Fotograf/Autor – zu erproben, um zu entdecken was die Fotografie im Innersten zusammenhält. Vielleicht hätte Goethe das so nicht unterschrieben, aber es ist ein allgemeiner Hang zur Besetzung philosophischer Zitate mit fotografischem Vokabular („Ich fotografiere, also bin ich“) zu verzeichnen. Doch zurück zu des Pudels Kern, äh ich meine unserem Thema. Das Thema war KATHARSIS und ist dem gleichnamigen Buchtitel von Michael Meinicke geschuldet. Doch nicht nur deshalb haben wir die aristotelische Dramentheorie ins Heute getragen. Denn wenn uns etwas dazu anhält, Furcht oder Mitleid zu erfahren, uns von der Lebensechtheit der dargestellten Schicksale erregen zu lassen, wenn wir uns in irgendetwas hineinversetzen können und Identifikationsmechanismen in Gang treten– dann durch die Fotografie. Sie ist es, der wir unseren Glauben schenken, die uns von ihrer Echtheit überzeugt obwohl wir uns darüber bewusst sein dürften, dass von Indexikalität im Zeitalter der digitalen Fotografie nicht mehr die Rede sein dürfte. Sprich: obwohl wir wissen, dass alle Bilder potentiell verfälscht/bearbeitet sind. Nichts desto trotz lassen wir jeden Schritt unseres Lebens und Alltags durch die Fotografie beglaubigen.
Es ist soweit, wir glauben wieder an Geister.
Die Aktualität des Themas dürfte soweit auf Verständnis gestoßen sein, über Fotografie lässt sich endlos schreiben, endlos nachdenken. Unsere Ausstellung hat versucht einige Anregungspunkte zu geben: so konnten wir nicht nur Betrachter und Rezipienten spielen, sondern wurden zu Fotografen und Fotografierten. Wir begegneten der analogen und digitalen Fotografie, der selbst- und fremd Entwickelten und sogar Sofortbildern. Wir sahen Fotografen, Maler, Grafiker, Fotolaboranten und Amateure die fotografieren. Und sogar private Bilder vergangener Zeiten, die uns eine Veränderung des (eigenen) Bildgebrauchs und dessen Funktionen vor Augen führten.
Wir dachten an ein neues Verhältnis von Kunst und Fotografie, wenn man bei einem unscharfen fotografischen Frauenakt an Gerhard Richter erinnert wird, wo doch Richters Arbeiten an Fotografien erinnern sollen. Wir dachten an die vielen „Amateurfotografen“, die durch zunehmende Professionalität Glanz gewinnen und an die Untersuchung ländlicher und städtischer Räume unter dem Heranziehen klassischer fotografischer Funktionen (Dokumentation). Wir dachten dann noch über Ästhetik nach und Strukturen. Über den fotografischen Blick und das Blickregime. Über die Fotografie als Religion und den unerschütterlichen Glauben, dem wir ihr beimessen – ein Phänomen, dass auch ein zentrales Thema der Kunst des 20. Jahrhunderts war, und ein zentrales Thema des 21. Jahrhunderts bleiben wird. Nur potenziert, digital, gespenstig.